• Gerlinde Bacher

Selbstliebe, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein...

Aktualisiert: vor 14 Stunden


Neulich hatte ich besuch von einer meiner besten Freundinnen. Ich freute mich sehr, da wir uns ziemlich lange nicht gesehen hatten. Das Wetter war sehr schön. Aus diesem Grunde hatte ich uns hinten im Garten ein kleines Frühstück vorbereitet. Sie brachte Brötchen mit und wir unterhielten uns bei einer Tasse Kaffee. Wie es oft passiert, sprachen wir die meiste Zeit über mich und meine Gefühle. Obwohl ich es mir jedes Mal vornehme, klappt es in der Regel nicht, dieses Thema zu meiden. Meine Freundin hat ein Talent, die richtigen Fragen zu stellen und trifft damit oft ins Schwarze. Sie ist ein wahnsinnig empathischer Mensch und spürt sofort, wenn irgendetwas nicht passt. Auch wenn ich gerade keine Worte dafür habe, lässt sie nicht locker und kitzelt es aus mir raus. So ähnlich kam es an diesem Morgen auch, dass wir bei meinem Wohlbefinden landeten. Sie erzählte mir, dass sie ständig an mein Gesichtsausdruck denken muss, als wir uns das letzte Mal zufällig trafen.


Vor ein paar Wochen war sie im Blumenladen bei mir um die Ecke und hatte ihren Hund an ihr Fahrrad gebunden. Er saß ganz brav da und wartete auf sein Frauchen, als Lilly und ich beim Gassi gehen auf ihn trafen. Meine Hündin, gerade zehn Monate alt, freute sich wie Bolle und stürmte auf ihn los. Er wiederum erschrak und warf das Rad um. Noch im gleichen Augenblick, als ich den Hund meiner Freundin erblickte, sah ich vor meinem inneren Auge genau diese Szene, nur konnte ich "das Unglück" nicht verhindern, weil alles so schnell ging. Diese Kleinigkeit erschütterte mich der Art, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Ich war mir noch nicht einmal mehr sicher, ob es wirklich der Hund meiner Freundin war. Der einzige Gedanke, den ich in diesem Moment im Kopf hatte, war, wie ich dem Besitzer "meinen Fehler" erklären und wieder gut machen kann. Mein Gesichtsausdruck suggerierte meiner Freundin, als sie aus dem Laden eilte, dass ich gerade dem Teufel höchstpersönlich begegnet bin.

Bei unserem Frühstück dann, an diesem Morgen, fragte sie mich, was da mit mir los war. Mir fiel es schwer, meine Gefühle in der besagten Situation zu erklären und sagte ihr, dass solche unerwarteten Erlebnisse mich immer aus der Bahnwerfen. Ich bin dem völlig hilflos ausgeliefert. Sie erwiderte, dass es doch nicht meine Schuld war. Das war der Fehler des bescheuerten Hundebesitzers, wer auch immer es war. Wer zum Geier bindet seinen Hund an ein nicht gesichertes Fahrrad? Im Nachhinein war mir das auch bewusst, nur in der Stresssituation, dachte ich nur an "meine Schuld". Sie riet mir mehr an meinem Selbstwertgefühl und meiner Selbstliebe zu arbeiten. Es kann nicht sein, dass ich die Schuld der ganzen Welt auf meine Schultern packe. In der Theorie ist mir alles auch klar, nur in der Praxis holpert es. Das war mir nicht bewusst, dass ich immer noch Schwierigkeiten mit der Selbstliebe habe bzw., dass es überhaupt damit etwas zu tun hat. Ich erkannte während unserer Unterhaltung, dass nicht nur meine Hochsensibilität der Grund dafür ist, lieber allein in meinen vier Wänden zu sein. Wenn ich niemandem begegne, kann "ich nichts falsch machen". Allerdings die Beurteilung, wann ich etwas falsch mache, die trifft nicht jemand anderes, als "Gny. Hartmann".

"Gunnery Sergeant Hartmann" war der Drill Sergeant (Feldwebel) aus dem Film "Full Metal Jacket". Er wurde zum Namensgeber für meinen inneren Kritiker. "Gny. Hartmann" lauert ständig im Dunkeln. Er wartet förmlich darauf, dass ich etwas "falsch" mache, um mich dann in Grund und Boden zu stampfen. Er ist der Meinung, dass ich mich nicht so wichtig nehmen sollte und es mir um einiges besser geht als anderen Menschen. Ich sollte mich nicht so anstellen und mich zusammen reißen. Andere Menschen müssen viel härter arbeiten, unter viel schlimmeren Bedingungen für wesentlich weniger. Was andere wollen und brauchen, ist das Wichtigste und nicht, was ich will. Ich sollte lieber zu sehen, dass ich die anderen zufrieden mache und alle Menschen vor Krankheit, Armut, Kriegen und all so was rette.

Das Problem an der Sache ist nur, das ich es nie schaffen werde "alle" anderen zufrieden zu stellen. Es wird niemals genug sein, egal was ich tue. Und wenn ich nicht auf mich achte, werde ich nicht lange genug da sein, um überhaupt etwas für andere zu tun. Aber was viel wichtiger ist, dass ich nicht dafür zuständig bin, andere glücklich und zufrieden zu machen. Das ist ihre eigene Aufgabe, nicht meine. Auch die Welt kann ich nicht retten. Meine Aufgabe ist es, mich so zu lieben, wie ich eben bin. Mich selbst glücklich und zufrieden zu machen. Nur meine kleine Welt kann ich retten. Mit Selbstachtung, Selbstfürsorge, der Liebe zu mir selbst und einem achtsamen Leben kann ich der Seele Heilung bringen. Wenn man aber fast 50 Jahre nichts anderes lernt und praktiziert, kann man es nicht einfach so ändern. Sein Leben lang ist man nur der Geber, nie der Empfänger, dass verändern wir nicht über Nacht.

Während ich meine Selbstbeobachtung und Erkenntnisse an den folgenden Tagen aufschrieb, jagte eine Panikattacke die andere. Die Erschöpfung über mehrere Tage wurde unerträglich und mit meiner Laune trieb ich jeden in die Flucht. Ich musste erkennen, dass meine Freundin mit den richtigen Fragen nicht nur einen wunden Punkt getroffen hatte. Es war eine riesige, vernarbte Fläche auf meiner Seele, die ich nun nach und nach heilen lassen muss. Das wird seine Zeit brauchen. Also lausche ich nun weiter und beobachte mich und meine Bedürfnisse. Ich versuche meine Gefühle wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und das für mich zu tun, was ich gerade brauche und was mir gut tut. Das ist im Alltag nicht leicht. Manchmal werde ich wieder stolpern und das Gefühl haben, es geht nicht voran. Doch an den immer häufigeren guten Tagen sehe ich die riesigen Fortschritte. Die Unzufriedenheit wird immer da sein, mal mehr mahl weniger. Aber auch zufriedene Zeiten und Glücksgefühle sind genau so in meinem Leben endlich erkennbar.


Hast du auch deine Schwierigkeiten in Bezug auf Selbstliebe, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein? Hast Du Fragen? Ich freue mich sehr auf Dein Kommentar...



Viele liebe Grüße und bis bald



Deine Linde :)



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